Abir

Abir studiert Soziale Arbeit, arbeitet in Jugendzentren, berät Migrantinnen und bleibt dabei eines: eine mutige junge Frau mit Visionen. Wie sie mit Bildung, Herz und Haltung Türen für andere öffnet?

Abir, 21, Hochschule Niederrhein

Hallo Abir, schön, dass du da bist. Herzlich willkommen! Ich freue mich sehr auf das Interview mit dir. Erzähl doch mal ein bisschen über dich, wie alt bist du und woher kommst du? Mein Name ist Abir Almuwas, ich bin 21 Jahre alt und komme aus Mülheim an der Ruhr. Ursprünglich stamme ich aus Syrien. 2016 bin ich mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen, damals war ich zwölf Jahre alt. Zuerst war ich in einem Integrationskurs, um Deutsch zu lernen und mich auf die Parallelklasse vorzubereiten. Danach habe ich eine normale Schulklasse besucht, meinen Realschulabschluss mit Qualifikation gemacht und anschließend das berufliche Gymnasium in Duisburg besucht. Dort habe ich meine Fachhochschulreife mit dem Schwerpunkt Sozialwesen und Gesundheit erworben. Weil ich mich sehr für den Bereich Pädagogik und Sozialarbeit interessiere, habe ich mich danach für ein Bachelorstudium der Sozialen Arbeit entschieden.

Gab es Fächer in der Schule, für die du besonders gebrannt hast? Ja! Am Anfang war es Mathe, das mag ich auch heute noch sehr, vor allem Algebra. Außerdem habe ich Erziehungswissenschaften geliebt.

Was gefällt dir besonders an Pädagogik? Wir haben in der Schule oft Fallbeispiele analysiert: Warum verhält sich ein Mensch so, wie er sich verhält? Diese Analysen zu machen und dabei Theorien anzuwenden, fand ich super spannend.

War dieses Interesse schon immer da? Nicht in dem Ausmaß. Ich habe mich schon immer für Menschen und Persönlichkeiten interessiert, aber durch die wissenschaftlichen Theorien hat sich mein Interesse noch verstärkt. Das Analysieren hat mir dann richtig Spaß gemacht.

Wie bist du dann auf den Studiengang Soziale Arbeit gekommen? Mein ursprünglicher Wunsch war es, Lehramt zu studieren, Mathe und Pädagogik, weil das meine Lieblingsfächer sind. Leider gab es Hürden, etwa das Kopftuchverbot für Beamtinnen. Ich hätte es machen können, aber ich wollte nicht jahrelang studieren, um dann am Ende womöglich keine Stelle zu bekommen. Deshalb habe ich mich nach einer Alternative umgeschaut und bin bei der Sozialen Arbeit gelandet. Ich sehe mich in diesem Beruf und bereue meine Entscheidung nicht. Ich kann damit ebenfalls pädagogisch arbeiten, nur in einem anderen Rahmen.

Du bist aktuell im 6. Semester, wie läuft’s? Ich habe fast alle Module abgeschlossen und mit meiner Bachelorarbeit begonnen, bin also im Endspurt.😊

Hast du Geschwister? Was machen sie? Ja, ich habe zwei Schwestern und zwei Brüder. Eine Schwester macht dieses Jahr ihr Abitur, die andere den Realschulabschluss. Meine Brüder sind in der 6. und 9. Klasse.

Deine Eltern sind bestimmt sehr stolz auf euch. Was sagen sie dazu, dass du Soziale Arbeit studierst? Sie finden das toll! Natürlich hatten sie andere Wünsche, zum Beispiel wollte meine Mutter, dass ich Pharmazie studiere. Aber sie hat akzeptiert, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Sie schätzt es sehr, dass ich mich für Soziale Arbeit entschieden habe, auch, weil ich meine Familie stark unterstütze, etwa bei Behördengängen oder bürokratischen Anträgen.

Wo unterstützt du deine Familie noch? Ich helfe meinen jüngeren Geschwistern in der Schule und gehe zu den Elternsprechtagen für sie. Ich übernehme also teilweise auch Verantwortung wie eine Bezugsperson.

Was machst du eigentlich in deiner Freizeit, neben Studium und Familie? Viel! *lacht* Ich mache gern islamische Kalligraphien und arbeite auf Minijob-Basis in der Migrationsberatung in Essen. Dort unterstützen wir Migrantinnen bei Bürokratie und Behördenangelegenheiten. Außerdem arbeite ich als Honorarkraft bei der Caritas in einem Jugendzentrum für geflüchtete Kinder, ich betreue Freizeitangebote wie Basteln.

Ich engagiere mich ehrenamtlich im Frauencafé und an der Uni als Ersti-Tutorin. Im Frauencafé unterstützen wir Frauen aus verschiedenen Kulturen beim Deutschlernen, mit Behördenfragen und beim kulturellen Austausch.

Da ich im letzten Semester bin und nicht mehr viele Module habe, ist das aktuell gut mit dem Studium vereinbar. Sonst wäre es zu viel.
Außerdem lese ich viel zur islamischen und arabischen Geschichte, zu Kulturthemen oder auch Romane.

Hängst du deine Kalligraphien auch aus? Ja, ich habe meine Werke sogar auf einer Kunstausstellung in Köln gezeigt und einige verkauft! Ich bin sehr stolz darauf. Den Erlös habe ich einer Schule in Syrien gespendet. Bildung liegt mir einfach sehr am Herzen.

Warum ist dir Bildung so wichtig? Bildung hat mir gezeigt, was meine Rechte sind, welche Chancen und Möglichkeiten ich habe. Ich habe mich dadurch unglaublich weiterentwickelt.
Früher wusste ich zum Beispiel nicht, dass es verschiedene Begabtenförderwerke gibt oder auch euch Talentscouts. Durch Bildung kann ich auch andere unterstützen, aufklären und sensibilisieren.

Aktuell mache ich eine Fortbildung zum Thema „Sensibilisierung gegenüber antimuslimischem Rassismus“. Ich habe das Gefühl, ich sollte meine Stimme nutzen und anderen damit helfen. Besonders migrantischen Frauen, die sich (noch) nicht trauen, selbst laut zu werden. Ich hoffe, künftig ein Vorbild zu sein und Türen zu öffnen.

Dass du für Bildung brennst, hört man deutlich heraus aber auch, dass du stark vernetzt bist! *grinst* Ja, das ist auch mein Ziel! Über Netzwerke kann man so viel lernen und neue Perspektiven gewinnen.

Wie hast du das geschafft? Wer oder was hat dich unterstützt? Meine Eltern haben mich emotional sehr unterstützt und mir viel Anerkennung gegeben. Ich habe mir gezielt Hilfe von außen gesucht, etwa beim Talentscouting oder anderen Organisationen. Das hat mir sehr geholfen.

Ich nehme wahr, dass du sehr offen und neugierig bist. Zwei wichtige Eigenschaften für persönliche Weiterentwicklung. Wie bist du damals auf das Talentscouting aufmerksam geworden? Über meine Berufsberaterin von der Agentur für Arbeit. Sie hat mich auf einen Workshop zum Thema „Studienfinanzierung“ an der Hochschule Ruhr West aufmerksam gemacht. So kam ich mit den Talentscouts in Kontakt. Ich habe dann an mehreren Workshops teilgenommen, z. B. zum Thema Stipendien und an Netzwerktreffen im Sommer und zu Weihnachten. Dabei sind viele wertvolle Kontakte entstanden. Mein Talentscout Nam hat mir auch bei der Bewerbung für die Avicenna-Studienstiftung geholfen.

Nutzt die Chancen, die euch geboten werden, sei es ein Stipendium oder die Angebote des Talentscoutings. Nehmt Unterstützung an, wo ihr könnt!

Gab es auf deinem Weg auch persönliche Hürden? Ja. Ich wollte eigentlich Lehramt studieren, aber wegen des Kopftuchverbots war das nicht einfach. Deshalb habe ich mich für Soziale Arbeit entschieden.

Der Einstieg in die deutsche Sprache war schwer, genauso wie die Umstellung auf das deutsche Schulsystem vor allem, da ich davor drei Jahre in der Türkei zur Schule gegangen bin. Besonders in der 10. und 11. Klasse hatte ich keine guten Erfahrungen mit meinen Lehrkräften. Ich fühlte mich oft ungerecht behandelt wegen meiner Herkunft und weil ich sprachlich noch nicht so stark war. Das spiegelte sich auch in meinen Noten wider.

In Mathe war ich Jahrgangsbeste, trotzdem habe ich nicht die volle Punktzahl bekommen. Eine Mitschülerin mit deutscher Herkunft schon. Als ich die Lehrkraft darauf angesprochen habe, war die Antwort nur: „100 % Gerechtigkeit gibt es nicht, Frau Almuwas.“ Das werde ich nie vergessen. Damals hatte ich Angst, mich zu wehren. Ich dachte, der Lehrer hat mehr Macht und es könnte Konsequenzen geben. Heute würde ich damit anders umgehen. Ich würde ein Gespräch suchen und für mich einstehen.

Gibt es etwas, das du anderen Talenten mitgeben möchtest? Gebt nicht auf, auch nicht nach Rückschlägen! Ich habe nach meiner ersten Stipendienbewerbung eine Absage bekommen und mich danach nicht mehr getraut, es erneut zu versuchen. Heute würde ich mich wieder und wieder bewerben.

Ich empfehle auch ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), um sich praktisch auszuprobieren und sich selbst besser kennenzulernen.

Wenn du einen Workshop halten würdest, was wäre dein Thema? Empowerment für migrantische Frauen – und kulturelle Identitätsklärung für junge Mädchen: „Wer bin ich und wer möchte ich sein?“

Vervollständige den Satz: Ich bin ein Talent, weil… …weil ich es verdiene und es wert bin!